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Viele Mitglieder unseres Vereins haben schon lange vor der Vereinsgründung Unterwasserhockey gespielt. Hier berichten sie von ihren Erfahrungen und Ereignissen aus früheren Jahren:
Das typische Turnier – Lubljana (2003)
Es herrscht ein unausrottbares Vorurteil, dass lediglich Neuigkeiten und unerwartete Ereignisse unserem Leben Sinn geben und es anfüllen wie eine druckfrische Tageszeitung. Dem ist nicht so: zieht man Bilanz so ist es die Wiederkehr des ewig Gleichen, die unserem Leben die Form gibt und es zu prägen vermag wie sonst nur das Missgeschick. Am Ende bildet sie das Skelett, an das wir unsere Erinnerungen kleben. Aber statt über die Geschichte im Großen und Ganzen zu grübeln, sollte ich jetzt dort am Waschbecken stehen und mir die Zähne putzen. Jetzt: das ist eine trübe Nacht im November wenige Stunden vor dem Unterwasserhockeyturnier und dort, dass sollte ein kleines Hotel in der Innenstadt von Lubljana sein. So war es sorgfältig geplant, seit wir einen Slovenen in unserem Team haben, der alles lebenswichtige (Essen und Schlafen) bei unseren regelmäßigen Pilgerfahrten nach Kranj und Lubljana regeln könnte. Aber natürlich sind da noch wir: ein weitgehend erprobtes Team und ein paar neue Gesichter, heute 13 an der Zahl. Wenn wir ausziehen ist stets das Chaos, unserer treuster Gefährte. Heute abend um 18 Uhr hätte der größere Teil des Teams mit zwei Autos abfahren sollen. Um 17 Uhr ruft Michael an – ein klasse Verteidiger. Seine Freundin Tina – ebenfalls Verteidigung – sei krank, daher könne er nicht fahren. Damit fehlen zwei Spieler und ein Auto. Aber Franck wollte heute Abend auch mitfahren und Franck besitzt ein Auto in nahezu fahrtüchtigem Zustand. Kein Problem. Ich habe ihn sofort angerufen: er würde fahren, aber er hat eine Mittelohrentzündung, steht unter Drogen – das sind Medikamente – und weiß noch nicht, ob er spielen kann. Selber fahren könne er keinesfalls. Muss ich noch sagen, dass er unser bester Verteidiger ist, die konzeptionelle Säule unserer Abwehr? Was macht man in so einer Situation? Ich gehe ins Kino. Das ist in etwa so teuer wie Zähne putzen in Lubljana und es beruhigt ganz ungemein. Der Film ist gut, aber als ich aus dem Kino komme schneit es; kein gutes Omen für eine schnelle Alpenüberquerung im Autokonvoi. Immerhin vier Spieler könnten jetzt schon in Slovenien sein. Diese vier sollten reichen, um die ersten Spiele zu bestreiten. Auf diese Weise können wir lästige Wechselfehler vermeiden. Am nächsten Morgen früh um sechs werden wir dann sehen, was vom Team übrig ist und welche Verstärkung wir den Vieren für das Endspiel gewähren können. Ich werde ein wenig sarkastisch: so etwas kann einfach mal passieren. Aber das ist bei uns nichts Neues: Ich fahre zum dritten Mal zu einem Unterwasserhockeyturnier nach Slovenien und immer verdampfte ein entscheidender Teil unseres Teams in den letzten Minuten vor der Abfahrt. Bleibt also nur die Frage, wer diesmal den Slovenischen Wanderpokal das blaue Veilchen mitnehmen wird, und ob wir unseren angestammten Platz (Vorletzte) erreichen werden. Wir haben uns dann um 6:00 in Giesing getroffen – Andy und ich zumindest. Turnierbeginn ist um 10:00 und es sind nur 450 Km über schneebedeckte Autobahnen. Also kein Problem. Bald kommen nach und nach die übrigen Spieler – pünktlich wie zum Training – und zuletzt Tatjana, die am nächsten wohnt (sonst geht dieser Pokal an Marion, aber wir haben ihr erzählt, dass die Abfahrt um 5:30 wäre). Bereits um 6:20 fahren wir ab, zumindest bis zur nächsten Tankstelle, wo unser zweiter Fahrer für 4 € seinen neuen azurblauen Audi A2 betanken möchte. Volltanken lohnt sich nicht, denn in Österreich ist der Sprit viel billiger. Nach dem üblichen Vignettenstop an der Grenze und einem zweiten dringenden Tankstop hinter der Grenze machen wir nach der Passage des Tauerntunnels Rast. Der Sprit ist zwar noch nicht billiger geworden aber Spieler brauchen Bananen als Unterlage für die vielen Müsliriegel während des Turniers und Spielerinnen müssen ihren inneren Wasserpegel vorab austarieren. Bei dieser Gelegenheit erhalte ich den ehrenvollen Auftrag, den Dritten Mann in unserem Auto – ein neues Gesicht, in die Geheimnisse der Unterwasserhockey-Regeln einzuführen – solide Kenntnisse, die, soweit ich selber darüber verfüge, bei einem internationalen Turnier von Nutzen sein können. Allerdings ist es dann die allzu gewissenhafte Erledigung dieser Aufgabe, durch welche wir gerade ein wenig mehr mit Regeln folgen als mit richtig fahren beschäftig sind, als wir auf das Villacher Autobahnkreuz gelangen. Vor uns ist ein fast azurblaues Auto, und schon sind wir sicher auf dem Weg nach Wien. Es dauert dann etwas bis zur Villacher Ausfahrt aber nach einigen Kilometern Bundesstraße können wir umdrehen und erreichen zeitgleich mit einer anderen sehr wichtigen Regelfrage (Schiedsrichterzeichen) erneut das Autobahnkreuz. Diese zeitliche Koinzidenz hätte uns beinahe an den Faaker See geführt, aber zum Glück gibt es in dieser Richtung schon bald eine Ausfahrt und so können wir das Kreuz im dritten Durchgang Richtung Slovenien verlassen. Schade nur, dass gerade am Karawankentunnel gearbeitet wird und wir nach unseren beiden Schleifen einen ungünstigen Augenblick erwischen. Vor der roten Ampel haben wir 40 Minuten Zeit um die noch offenen Regelfragen soweit als möglich – das Regelwerk liegt in dem azurblauen Audi – zu klären. Außerdem sind jetzt schon acht Spieler in Ljubljana. Kein komplettes Team aber es reicht für zwei Auswechselspieler. So kommen wir gegen 11:20 als letzte im Tivolibad von Ljubljana an und können nach dem Umziehen ohne lästiges Einschwimmen direkt zu unserem ersten Einsatz ins Wasser springen. Das Turnier selbst ist natürlich ein Bärenspass, auch wenn wir wie immer etwas Einspielzeit benötigen. Immerhin, der Spielstand repräsentiert nicht unseren Kampfgeist und unseren Einsatz. Ich habe in diesem Turnier die Gelegenheit meine ersten Freistöße als internationaler Schiedsrichter zu verteilen. Man hat einige dieser Entscheidungen nachträglich kritisiert und beschimpft. Wohl nicht ganz zu unrecht. Ich habe wirklich nur die Hälfte gesehen habe, aber das ist immerhin ein Anfang und ich war nicht parteiisch. Ich weiß nicht einmal, welche Mannschaften ich beglückt habe. Zu meiner Entschuldigung kann ich sagen, dass mein Schiedsrichterkollege rein gar nichts gesehen hat, und dass die beiden Mädchen – eine von ihnen aus Bologna, die unser vorletztes Spiel gegen Parma als Wasserschiedsrichter begleitet haben, blind wie die Neunaugen waren. Sie haben nicht einmal gemerkt, das Andy zweimal beim Startzeichen bereits die ersten fünf Meter von der Wand in Richtung Puck zurückgelegt hatte, oder dass man Leonora am Arm vom Puck weggezogen hat. So gleicht sich am Ende alles aus und ich werde das Pfeifen irgendwann lernen. Jedenfalls bin ich vorerst der einzige in unserem Team, der dazu wirklich qualifiziert ist. Mit meinem ausgezeichneten Unterhautfettgewebe macht mir das kalte Wasser nichts aus. Im letzten Spiel haben wir dann auch noch unseren angestammten Platz erkämpft: 5:4 nach 2:0 Führung und 3:4 Rückstand gegen die Balkan Allstars. Wir haben es echt spannend gemacht und Andy konnte sich bei dieser Gelegenheit neben einigen Toren auch noch unseren Wanderpokal, das blaue Veilchen, sichern. Danach ist Zeitlupe angesagt: Wer keine Blessuren hat, ist zumindest erschöpft und hungrig. Dennoch gelingt uns in diesem Zustand eine unerwartet rasche und einvernehmliche Aufteilung aller beteiligten Spieler auf die zur Verfügung stehenden Fahrzeuge. Der beruflich hart arbeitende Teil des Teams, jagt im azurblauen Audi spritsparend davon. Vier andere wollen nach den harten Spielen auch noch das weit größere Risiko eingehen: eine slowenische Unterwasserhockey-Party mit vor der Schwimmhalle auf diversen Gaskochern präpariertem Gulasch. Sie werden möglicherweise anschließend noch das Hotel testen und am nächsten Tag die Stadt erkunden. Tatjana und ich harren auf dem Parkplatz vor dem Schwimmbad aus, bis man Andy wieder geflickt hat. So haben wir ein wenig Muße durch die große gläserne Wand eines schicken Fitnessstudios all den gut aussehenden, jungen Männern und Frauen eines Step-Aerobickurses zuzuschauen. Locker und elegant bewegen sie ihre schönen, unversehrten Glieder rhythmisch zur Musik: keine Atemnot, keine blauen Flecken, keine Erschöpfung. Welche scheußlichen Mutationen haben uns zu unverbesserlichen Unterwasserhockeybestien gemacht? Zwei Stunden später wird Andy, dessen Wange mit einem Stich genäht worden ist, von einer hübschen Slovenin zurück zum Schwimmbad begleitet. Er beteuert, dass es im Krankenhaus alles unmäßig lange gedauert habe und dass das Mädchen nichts damit zutun habe. Wir kennen ihn ja. Gegen Mitternacht bin ich Zuhause. Nächstes Mal fahre ich mit dem Team aus Gießen nach Den Haag. Bei den Holländern weiß man zwar nicht so genau, wo der Puck ist, aber vielleicht gibt es mal was wirklich Neues
Geschrieben von Ralph Cahn, München.